Verstärkter Ausbau der Erneuerbaren statt Erdgas-Mogelpackung

SMA PV-Anlage

„Die Zeit der niedrigen Strompreise ist vorbei“ konstatierte die Strategieberatung Oliver Wyman vor rund zwei Wochen medienwirksam. Laut einer hauseigenen Analyse könne der Strompreis durch den geplanten Kohleausstieg bis 2022 um mehr als 60 Prozent steigen. Zusätzlich wäre die Versorgungssicherheit in Deutschland in Gefahr. „Aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive müssten wir nun eine Renaissance der Gaskraftwerke erleben“, so die Berater weiter. Speicher und weitere Flexibilitätsinstrumente seien dagegen noch unwirtschaftlich. Ist es Zufall, dass diese Studie so gut zur Haltung des Bundeswirtschaftsministeriums passt, das Erdgas für unverzichtbar hält?

Denn obwohl bei der Erdgasförderung in nicht geringem Maße Methan freigesetzt wird, das um ein Vielfaches klimaschädlicher ist als CO2, und selbstverständlich auch beim Verbrennen von Erdgas CO2 entsteht, hält die Bundesregierung diesen Energieträger für ein unverzichtbares Instrument für den Klimaschutz. So sollen laut „Klimaschutzprogramm 2030“ kohlebasierte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen durch gasbetriebene KWK-Anlagen ersetzt werden. Darüber hinaus wird in dem Papier Wasserstoff eine zentrale Rolle für die zukünftige Energieversorgung zugewiesen. Dieser soll zwar aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, woher der dafür benötigte erneuerbare Strom kommen soll, bleibt aber offen.

Erdgas als Ersatz für Kohle?

Die Lösung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier lautet: Erdgas. Drei Tage vor Erscheinen der Oliver Wyman-Studie veröffentlichte sein Ministerium die erste Bilanz zum „Dialogprozess Gas 2030“. Dort steht, dass bei der Energiewende kurzfristig und „insbesondere aus Kostengründen“ auch blauer Wasserstoff „eine bedeutende Rolle spielen“ könne. Dieser wird aus Erdgas gewonnen und durch CO2-Abspaltung (CCS) vermeintlich klimaneutral gemacht. Auch darüber hinaus ist das Papier ein klares Bekenntnis zum Erdgas, Zitat: „Gleichzeitig gibt es im politischen Raum auch Forderungen nach einem baldigen Erdgas-Ausstieg. Ein solcher Schritt hätte aber nicht nur enorme Risiken für den Industriestandort Deutschland, sondern auch für die Sicherheit der Energieversorgung insgesamt.“

Partikularinteressen versus Nachhaltigkeit

Ich finde es unverantwortlich, wie hier Partikularinteressen in den Vordergrund gestellt und mit Ängsten der Bevölkerung vor unbezahlbaren Strompreisen und Versorgungslücken gespielt wird. Der in der Wyman-Studie prognostizierte Strompreisanstieg würde – wenn er denn überhaupt eintreten sollte – private Haushalte nur zu einem sehr geringen Teil treffen. Denn nur etwa ein Fünftel des Strompreises entfallen auf Erzeugung und Vertrieb. Weitere wesentliche Bestandteile sind Netzentgelte sowie die EEG-Umlage, dazu kommen noch Steuern und Abgaben. Zusätzlich verringert sich die EEG-Umlage, wenn der Börsenstrompreis steigt. Versorger, die an das von Oliver Wyman skizzierte Szenario eines Preisanstiegs auf 65 Euro je MWh glauben, können sich darüber hinaus bereits heute zum Preis von ca. 50 Euro pro MWh mit Strom für 2022 eindecken. Industrielle Großverbraucher, die stark steigende Strompreise und Versorgungslücken fürchten, können sich nachhaltig und kostengünstig mit eigenen Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern versorgen. Die Erzeugungskosten für selbst produzierten Strom aus Photovoltaik liegen schon heute sowohl für private als auch für gewerbliche Endverbraucher deutlich unter den Stromtarifen der Versorger.

Wirksamer Klimaschutz bedeutet 100 % erneuerbare Energien

Mein Fazit: Für eine bezahlbare, sichere und klimafreundliche Energieversorgung ist in allen Sektoren ein schneller und konsequenter Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen notwendig. Anstatt eine klimaschädliche fossile Energiequelle durch eine andere zu ersetzen, sollte die Bundesregierung daher die politischen Rahmenbedingungen und klare Ziele für einen forcierten Ausbau der erneuerbaren Energien schaffen und sich auf europäischer Ebene für ein Strommarktmodell einsetzen, das auf die neue, dezentrale und digitale Energiewelt zugeschnitten ist. So können wir die immer weiter sinkenden Kosten der Photovoltaik nicht nur im Stromsektor nutzen, sondern auch zur Erzeugung von grünem, also CO2-freiem, Wasserstoff, der ohne Zweifel eine wichtige Säule der zukünftigen Energieversorgung ist.

 

1 Antwort
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    Dietmar Geckeler sagte:

    Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag, Hr. Reinert. Insbesondere Ihre folgende Frage ist mehr als berechtigt: „Darüber hinaus wird in dem Papier Wasserstoff eine zentrale Rolle für die zukünftige Energieversorgung zugewiesen. Dieser soll zwar aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, woher der dafür benötigte erneuerbare Strom kommen soll, bleibt aber offen.“ Es drängt sich hier der Verdacht auf, dass der Wasserstoff primär aus Erdgas hergestellt werden soll.
    Zudem sollen laut Bundesregierung zwischen 7-10 Mio. E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen rollen. Wenn man vom Durchschnitts-Fahrleistung 12.500 km / Jahr ausgeht entspricht das einer Erhöhung des Strombedarfs zwischen 15 und 25 TWh (je nach angesetztem Verbrauch), was ca. 2,5 – 4,5 % höheren Strombedarf entspricht. Zusammen mit der verlustreichen Wasserstoffherstellung steigt damit der Strombedarf.
    Wie man dann trotzdem von einem sinkenden Gesamt-Strombedarf bis 2030 ausgehen kann wie die Bundesregierung, zeugt entweder von unglaublicher Inkompetenz oder von absichtlicher Irreführung, um trotz des eigenen 65 % erneuerbaren Ziels den Ausbau der erneuerbaren Energien, vor allem der Windkraft an Land, weiter ausbremsen zu können.
    Es passt weiterhin nichts zusammen im Klimaschutzprogramm, und es bleibt bei einer Ansammlung von Enzelmaßnahmen, die teilweise sogar kontraproduktiv für den Klimaschutz sind (Stichwort Pendlerpauschale).

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